Gastbeitrag von Kathrin Burger

„Was Deutschland und Österreich trennt, ist die gemeinsame Sprache“

Dieser oft fälschlicherweise dem österreichischen Schriftsteller Karl Kraus zugeordnete Ausspruch[1] wird in Österreich immer noch gerne und häufig verwendet, wenn „die Deutschen“ mal wieder so etwas Komisches wie „Tüte“ oder „Aubergine“ sagen. In Österreich nennt man diese beiden Dinge „Sackerl“ bzw. „Melanzani“. Besonders bei Lebensmitteln sind sich viele Österreicher bzw. Deutsche der Unterschiede bewusst und sprechen im jeweils anderen Land wortgewandt von „Sahne“ bzw. „Schlagobers“. Das gilt übrigens auch für die Institutionen der Europäischen Union. In kulinarischen Angelegenheiten spricht nämlich auch Brüssel „fließend“ Österreichisch. Als die Alpenrepublik im Jahr 1995 der EU beitrat, wurde eine Liste mit 23 typisch österreichischen Ausdrücken für Lebensmittel erstellt, wodurch diese nun offiziell im Vokabular der EU verankert sind.[2] Neben den bereits erwähnten sind darin etwa „Karfiol“ (Blumenkohl), „Marille“ (Aprikose) und „Faschiertes“ (Hackfleisch) festgehalten. Aus EU-Perspektive werden Deutschland und Österreich also nur in der Küche von der „gemeinsamen Sprache getrennt“.

Das Gewand liegt im Kasten

Eine intensivere Beschäftigung mit den beiden Varietäten (Ausprägungen der deutschen Standardsprache) zeigt allerdings, dass die Verbreitung der sog. Austriazismen weit über den Bereich der Kulinarik hinausgeht. So trägt man Mützen – in Österreich auch gern einmal „Hauben“ genannt – auf österreichischem Deutsch nur im Winter und bevorzugt statt „Kleidung“ das edler anmutende, wenn auch veraltete „Gewand“, das nicht etwa in einem Schrank, sondern in einem „Kasten“ aufbewahrt wird. Für Übersetzerinnen und Übersetzer nichts Neues, für viele andere allerdings überraschend: Auch die Rechtssprache der beiden Länder kann sich in bestimmten Fällen erheblich unterscheiden. Beispielsweise erhält man in Österreich als finanzielle Entschädigung keine Abfindung, sondern eine „Abfertigung“, zahlt anstelle von Miete öfters auch „Mietzins“ und verhandelt anstatt Tarif- „Kollektivverträge“.

Du kannst den Hund ruhig angreifen! Er beißt nicht!

Typisch österreichische Wendungen können sogar zu gravierenden Missverständnissen führen, da ihre Bedeutungen nicht immer mit dem Bundesdeutschen übereinstimmen. „Du kannst den Hund ruhig angreifen! Er beißt nicht.“ ist in Österreich nicht etwa eine Aufforderung zur Tierquälerei, sondern zum Streicheln eines zahmen Tiers. Denn „angreifen“ wird auf österreichischem Deutsch auch im Sinne von „anfassen“ gebraucht. Die Frage „Nehmen wir die Straßenbahn oder laufen wir?“ könnte von Österreichern leicht missverstanden und folgendermaßen beantwortet werden: „Du kannst gerne laufen, aber mir ist das zu anstrengend. Ich gehe lieber.“ Das Verb „laufen“ wird auf österreichischem Deutsch nämlich ausschließlich als sportliche Betätigung verstanden. Obwohl es mit Sicherheit noch eine ganze Menge solcher Beispiele gibt, ist der Anteil an typisch österreichischen Wörtern bzw. Bedeutungen dann doch relativ klein: Insgesamt kennzeichnet der Duden nur 0,4 % aller Wörter als österreichisch.[3]

Verwirrende kleine Unterschiede

Allerdings erfordert die perfekte „Zweisprachigkeit“ in Bundes- und österreichischem Deutsch ebenfalls die Beachtung kleiner, aber feiner, grammatikalischer Unterschiede. So handelt es sich bei „das Joghurt“ auf österreichischem Deutsch nicht etwa um einen Versprecher, sondern um den gebräuchlicheren Artikel. Die Präpositionen in den Phrasen „auf Urlaub fahren“ und „in der Arbeit sein“ klingen und sind in Österreich korrekt. Darüber hinaus gibt es auch bei der Perfektbildung geringfügige Abweichungen. Während Verben der Körperhaltung in Deutschland je nach Region entweder mit „haben“ oder mit „sein“ gebildet werden, sind auf österreichischem Deutsch nur „Ich bin auf dem Sofa gesessen“ und „Er ist im Bett gelegen“ korrekt. Bei all diesen verwirrenden kleinen Unterschieden ist es erfreulich, dass man sich bei der Zeichensetzung einig ist. Für die Benennungen der Satzzeichen gilt das jedoch schon wieder nicht: auf Österreichisch ist das „Komma“ ein „Beistrich“ und das „Semikolon“ ein „Strichpunkt“.

Kulturelle Eigenheiten

Neben den bereits angesprochenen Unterschieden an der Sprachoberfläche existieren ebenfalls Eigenheiten, die auf die verschiedenen Kulturen zurückzuführen sind. Besonders deutlich zeigt sich das bei der Wahrnehmung und dem Ausdruck von Höflichkeit.[4] Direkt ausgesprochene Bitten wie „Noch einen Kaffee, bitte!“ oder rein indikativische Ausdrucksformen wie „Ich bekomme zwei Stück Kuchen.“ können in Österreich als zu direkt und mitunter unhöflich aufgefasst werden. Stattdessen ist es üblicher, Aufforderungen durch Konjunktiv und die Verwendung von Fragen abzuschwächen. Bitten wie „Entschuldigen Sie, könnte ich bitte noch einen Kaffee haben?“, die von so manchem Norddeutschen wohl als umständliche Scheinfragen verstanden werden würden, sind auf österreichischem Deutsch keinesfalls übertrieben.

Die österreichische „Titelgeilheit“

Apropos übertrieben, in Österreich wird – wenn auch mittlerweile nicht mehr so häufig – die direkte Anrede „gnädige Frau“/„gnädiger Herr“ ernstgemeint verwendet. Ebenso ist es keine Schmeichelei, eine Lehrerin an einer allgemeinbildenden höheren Schule mit „Frau Professor“ anzusprechen, da es sich dabei um deren im Lehrerdienstrecht verankerten Rang handelt.[5] Auch Titel wie „Hofrat“ werden nach wie vor vergeben, obwohl es schon seit 100 Jahren keinen Hof mehr gibt. Genau auf dieses historische Kapitel des Landes soll die bekannte österreichische „Titelgeilheit“ allerdings zurückzuführen sein.[6] In der weitläufigen österreichischen-ungarischen Monarchie sollen hierarchiebezogene Titel für Ordnung gesorgt haben. Obwohl es die heutige Größe des Landes wohl kaum erfordert, gibt es dort immer noch 869 (Ehren-)Titel.[7]

Darüber hinaus wird die Bedeutung der Höflichkeit in Österreich auch bei der Anrede deutlich. Während in Deutschland ein kurzes „Hallo“ an der Supermarktkasse (Österr.: „Kassa“) gang und gäbe ist, gilt dies in Österreich als zu salopp. Wer dort nicht ins Fettnäpfchen treten möchte, ist daher gut beraten, in Geschäften mit „Guten Tag“ oder dem noch üblicheren „Grüß Gott“ zu grüßen und sich mit „Auf Wiedersehen“ zu verabschieden.

Sprachliche Trennung im gewissen Maße

Man sieht also: Österreich und Deutschland sind tatsächlich bis zu einem gewissen Maße durch die gemeinsame Sprache getrennt – mal mehr und mal weniger. Je nach eigener Herkunftsregion in Deutschland kommen dem Leser sicherlich bestimmte Beispiele vertrauter, andere fremder vor. Das liegt an den fließenden Übergängen zwischen den verschiedenen Varietäten des Deutschen, die neben dem österreichischen und dem schweizerischen Deutsch noch eine ganze Menge weiterer Subvarietäten zu bieten haben.[8] Auch wenn das teilweise verwirren kann, macht doch genau diese Diversität den Charme von plurizentrischen Sprachen wie dem Deutschen aus.

[1] Tatsächlich aber tätigte der österreichische Kabarettisten Karl Farkas die Aussage in Anlehnung an das berühmte Zitat „Britain and America Are Two Nations Divided by a Common Language“: https://www.kraus.wienbibliothek.at/content/was-deutschland-und-oesterreich-trennt-ist-die-gemeinsame-sprache

[2] https://derstandard.at/1947362/Oesterreichisches-Deutsch-existiert-in-der-EU-nur-kulinarisch

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96sterreichisches_Deutsch#Unterschiede_zum_bundesdeutschen_Hochdeutsch9

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/H%C3%B6flichkeitsform

[5] https://karriere.sn.at/karriere-ratgeber/fort-weiterbildung/wo-der-titel-regiert-28942096

[6] https://kurier.at/leben/ist-jeder-lehrer-ein-professor-junge-gruene-wollen-titel-fuer-alle-abschaffen/253.266.698

[7] https://www.spiegel.de/lebenundlernen/uni/titelverliebtes-oesterreich-kuess-die-hand-frau-magister-a-363231.html

[8] http://www.oedeutsch.at/OESDCD/0INTRO/Gesamt-PDF/A03-Deutsch-a-pluriz.Sprache.PDF; 30/31