Von Eliot Reiniger und Mari Smith

Essen, Sprache und Work-Life-Balance: die schöne deutsche Arbeitswelt


Eliot Reiniger und Mari Smith, Übersetzer bei Peschel Communications

Immer wieder werden wir gefragt: Wie ist es, als US-Amerikaner bzw. Britin in Deutschland zu arbeiten? Wir arbeiten beide bei Peschel Communications GmbH, einem Freiburger Übersetzungsbüro. Mari ist Britin, studierte in England und absolvierte während des Bachelorstudiums ein Auslandssemester in Freiburg. Nach dem Studium und den ersten Berufserfahrungen in England zog sie 2016 wegen eines Praktikums bei Peschel Communications, das glücklicherweise in eine feste Stelle als Übersetzerin mündete, in diese schöne Stadt zurück. Eliots Weg von den USA nach Freiburg sah ähnlich aus: Nach dem Bachelorabschluss in seiner Heimat und einem Auslandssemester in Dresden wusste er, dass er längerfristig in Deutschland wohnen wollte. Nach einiger Zeit als Lehrer für Englisch als Fremdsprache entschied er sich für einen Master in Translation, den er in Deutschland abschloss. 2018 machte auch er ein Praktikum bei Peschel Communications und wurde daraufhin fest angestellt. Hier übersetzen wir verschiedenste Texte aus den Bereichen Marketing, Technik und Jura ins Englische. Beim Übersetzen sind wir den ganzen Tag damit beschäftigt, Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen verschiedenen Sprachen zu beobachten. So liegt es nahe, auch die Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Verhalten, Gewohnheiten und Regeln zwischen unseren Heimatländern und Deutschland genauer unter die Lupe zu nehmen:

Einer der offenkundigsten Unterschiede zwischen der deutschen und der US-amerikanischen bzw. britischen Arbeitswelt ist der Grad der Förmlichkeit. Im Englischen wird zwischen Du und Sie nicht differenziert, wodurch ein Entscheidungsprozess entfällt, der bei einer ersten Begegnung auf Deutsch manchmal kompliziert sein kann. Außerdem ist das Arbeitsklima im Allgemeinen im englischsprachigen Raum gefühlt lockerer. In vielen Büros spricht man sich mit dem Vornamen an und Emails beginnen selten mit „Dear Mr Miller“, sondern mit eher mit „Dear Peter“, „Good morning“ o. ä. Es mag Leute geben, die es gut finden, durch eine förmliche Anrede und Höflichkeitsfloskeln einen respektvollen Abstand von Kund*innen, Vorgesetzten usw. zu halten, aber vor allem für Berufsanfänger*innen – oder Nichtmuttersprachler*innen –, die weniger Erfahrung mit solchen Umgangsformen haben sammeln können, kann das schon sehr fremd wirken.

Wir betrachten es beide als Glücksfall, dass wir uns hier in unserem deutschen Büro alle duzen. Wir finden das weniger anstrengend und – darin sind wir uns einig – es passt besser zu unserem wirklichen Ich. Dies bringt allerdings die seltsame Herausforderung mit sich, dass wir uns fühlen, als müssten wir in eine zweite, ungewohnte Rolle hineinschlüpfen, wenn wir mit Kund*innen per Sie kommunizieren. Das ist ein Paradebeispiel dafür, dass eine gelungene Integration in einen anderen Kulturkreis auf sehr viel mehr als Sprachkenntnissen allein beruht.

Bei uns als Sprachendienstleister*innen wird sowieso öfter als anderswo auf verschiedenen Sprachen kommuniziert. Auch wenn wir im Team meist Deutsch sprechen, reden wir beide zu zweit eher Englisch, und wenn wir mal ein gutes englisches Wortspiel finden, teilen wir das natürlich gerne mit den Kolleg*innen. Mehrmals wurde uns gesagt, dass unsere englische Persönlichkeit anders sei als die deutsche: eine Überraschung, die manche sogar zum Lachen bringt. Es ist nicht so, als wären wir auf Deutsch unfähig oder unlustig, aber selbst in etwas informelleren Situationen und Umgebungen unterscheiden sich die Ausdrucksweisen der jeweiligen Sprachen, die man beherrscht.

Work-Life-Balance

Auch wenn wir etwas unterschiedliche Meinungen zu den Bedingungen der deutschen Arbeitswelt haben, finden wir sie grundsätzlich attraktiver als in unserer jeweiligen Heimat. Der Unterschied zu den USA ist besonders ausgeprägt: Hier in Deutschland bekommt man in vielen Fällen ungefähr das Dreifache an Urlaubstagen im Jahr, und das schon als Berufsanfänger*in, weil es gesetzlich vorgeschrieben ist. Außerdem wird hier (an)erkannt, dass man arbeitsunfähig ist, wenn man erkältet ist. In den USA hat man nur eine bestimmte Anzahl an „Krankheitstagen“, die man sich gut einteilen muss; sonst hat man später keine mehr und geht damit das Risiko ein, gekündigt zu werden, wenn man zu krank ist, um zur Arbeit zu gehen. Dass man sich in Deutschland selbstverständlich daheim erholen kann, ohne Bankrott zu gehen, weiß man also zu schätzen. Wir finden es einfach menschlicher, dass das Bedürfnis nach Frei- und Genesungszeit durch das Gesetz geschützt ist.

In England ist die Situation nochmal anders. Dort hat man meistens schon 20 bis 25 Urlaubstage: zwar etwas weniger als der Durchschnitt in Deutschland, aber dafür ist die durchschnittliche Arbeitszeit mit 37,5 Stunden pro Woche etwas kürzer. Mit Krankheitsfällen wird bei den Briten lockerer umgegangen – eine ärztliche Krankschreibung braucht man grundsätzlich erst bei schwereren Krankheiten mit Ausfallzeiten von einer Woche oder länger. Die Kehrseite der Medaille ist aber, dass man sich ohne eine ärztliche „Bestätigung“ oder eine feste Regelung zu Krankheitstagen unter Druck fühlt, jede Abwesenheit zu rechtfertigen und nur zu Hause zu bleiben, wenn es wirklich gar nicht mehr anders geht. Man schleppt sich also hustend oder niesend wieder ins Büro, sobald das Schlimmste vorbei ist. Wie viele bezahlte Krankheitstage man jährlich in Anspruch nehmen darf, hängt vom jeweiligen Arbeitsvertrag ab. Hat man alle bezahlten Krankheitstage aufgebraucht, muss man entweder doch eine Krankschreibung holen oder mit einem gekürzten Gehalt rechnen.

Ein nicht ganz so erfreuliches Phänomen, das wir beide auch bemerkt haben ist, dass man sich in Deutschland manchmal länger Zeit nimmt, um eine Mail zu beantworten oder kleinere Aufgaben zu erledigen. Vielleicht hängt das mit der im Vergleich zum englischsprachigen Raum erholungsorientierteren Einstellung zusammen. Sicherlich ist es klüger, sich nicht von jeder Mail ablenken zu lassen. Jedoch ist es unserer Meinung nach bei einer Zusammenarbeit förderlich bis kritisch, dass Mails zumindest am gleichen Tag beantwortet werden.

Esskultur

Lassen wir das aber nicht zu heftig werden und lenken wir unsere Aufmerksamkeit aufs Leichte zurück, und zwar auf die Esskultur in der deutschen Arbeitswelt. Bei vielen Unternehmen in den USA und England wird das Mittagsessen entweder mitgebracht oder irgendwo gekauft, und dabei handelt es sich meist um ein Sandwich oder einen Salat. Die Deutschen dagegen bestehen darauf, dass mittags warm gegessen wird! Bei einigen großen Firmen gibt’s sogar eine eigene Kantine. Normal. Oder? Das finden wir persönlich auf jeden Fall herrlich, da wir beide zu den Menschen gehören, die ihr ganzes Leben um das Essen planen und darum, wo sie die nächste Mahlzeit einnehmen. Für uns ist deshalb ein warmes Mittagessen ein Bonus. Kaltes Essen wird im englischsprachigen Raum wie Business behandelt, und zwar tagsüber. Völlig in Ordnung. Dafür muss dann aber abends warm gegessen werden. Wir finden einfach, man sollte den Tag mit Pracht und Herrlichkeit (und einem warmen Gericht) abschließen!

Manches ist hier in Deutschland genau gleich wie in unseren Heimatländern. Man erlebt die gleichen Begegnungen beim Teeholen in der Küche, redet über das vergangene Wochenende und sehnt sich nach kleinen Süßigkeiten, die manchmal auftauchen, wenn man Glück hat (ein selbstgebackener Kuchen ist ein Muss bei Geburtstagen!). Also, wenn man sich hier ein bisschen auskennt, fühlt sich im Endeffekt alles gar nicht so fremd an.