von Eliot Reiniger

Die Sprache der Pandemie

Warum geht es dir seit letztem Frühjahr seelisch so schlecht? Wegen der Coronavirus-Pandemie? Wegen der Verbreitung von COVID-19? Oder einfach wegen Corona? Es ist doch alles dasselbe, nicht wahr? Wissenschaftlich gesehen handelt es sich um eine Pandemie – die rasante weltweite Verbreitung eines Virus. (Das Virus, übrigens, zumindest in der Wissenschaft, aber in manchen Dialekten heißt es auch der Virus). Die Krankheit, die vom SARS-CoV-2-Virus verursacht wird, nennt sich COVID-19, eine englische Abkürzung für coronavirus disease 2019. Während man im Englischen dazu neigt, von COVID zu sprechen, hört man hierzulande viel häufiger „Corona“ mit diversen Anhängseln – Corona-Maßnahmen, Corona-Verordnung, Corona-Party, Corona-Krise, Corona-Zeit usw. – oder einfach alleinstehend als allumfassende Beschreibung des aktuellen Phänomens. Was ist denn davon „richtig“?

Nichts ist so konstant wie die Veränderung

Sprache ist ein sich ständig veränderndes System. Und wenn nationale oder sogar globale Ereignisse in kürzester Zeit Auswirkung auf das Leben vieler haben, können solche neuen Wörter und Phrasen blitzschnell entstehen. Da die deutsche Sprache viel mit Komposita arbeitet, gelten die meisten neuen Buzzwords nicht unbedingt als neu, aber man hört aktuell „Mund-Nasen-Schutz“ bzw. „-Bedeckung“ natürlich öfter als früher. Während Amerikaner*innen „mask“ und Franzosen und Französinnen „masque“ bevorzugen, hat sich in Deutschland zumindest in offiziellen Anweisungen die längere Variante durchgesetzt. Noch ein Teil zum Mund-Nasen-Schutz-Kompositum hinzuzufügen, wäre jedoch übertrieben – stell dir vor, wir würden im Alltag „Mund-Nasen-Bedeckungs-Pflicht“ sagen. Vergiss es! Ab dann darf die Maske greifen, um „Maskenpflicht“ zu bilden. Letzten Endes dient die Sprache ihren Nutzer*innen.

Und wann hast du zum letzten Mal „Öffnungsdiskussionsorgien“ gehört? Ein legitimes Wort, aber bis vor einigen Monaten höchst ungewöhnlich. Ebenso war eine Ausgangssperre in unserer heutigen Gesellschaft früher undenkbar, doch die mittlerweile zwei Lockdowns (Anglizismus!) haben uns gezeigt, dass eine solche Maßnahme nicht unbedingt nur die Konnotation eines Menschenrechtsverstoßes hat, sondern auch ergriffen werden kann, um Menschenleben zu retten.

Fremdwort Solidarität

Apropos „das Leben unserer Mitmenschen“: Die jeweilige Kultur spielt in dieser Entwicklung eine erhebliche Rolle. Wer die Tagesschau guckt, weiß, dass das Wort „Solidarität“ in den letzten Monaten sehr oft gefallen ist. Es gilt, eine Mund-Nasen-Bedeckung zu tragen: Nicht, weil sie einen selbst schützt, sondern, um solidarisch Menschen in der unmittelbaren Umgebung vor einer möglichen Ansteckung zu schützen. Als gebürtiger Amerikaner habe ich mir schon gedacht, dass in den Vereinigten Staaten eher nicht von Solidarität gesprochen wird, was meine Eltern leider bestätigt haben. Zwar gilt es auch dort vielerorts eine Maske (sorry, langsam wird der andere Begriff echt zu mühsam) zu tragen, aber der Widerstand ist von manchen Gruppen groß. Dieser wird vom noch amtierenden Präsidenten befeuert und spiegelt sich in den weiter steigenden Infektionszahlen wider. Dort gilt es also leider nicht, solidarisch zu handeln – ganz zu schweigen davon, eine landesweite Pflicht zu verhängen.

Die englische Sprache bringt bekanntlich häufig Neologismen hervor, z. B. in Form von Schachtelwörtern wie Brunch (breakfast + lunch). Auch dieses Jahr wurde meine Erwartung an die Kreativität meiner Muttersprache nicht enttäuscht: Aus der Pandemie wurden unter anderem folgende Wörter geboren:

  • „quarantini“ (quarantine + martini, dt. Quarantäne + Martini)
  • „covidiot“ (COVID + Idiot, in Bezug auf diejenigen die Masken falsch tragen oder sich generell unsolidarisch verhalten)
  • „situationship“ (situation + relationship, dt. Situation + Beziehung, in Bezug auf Paare, die direkt vor der Ausgangssperre voreilig zusammenkamen, damit sie die unvorhersehbar lange Zeit nicht allein verbringen mussten)
  • „maskne“ (mask + acne, dt. Maske + Akne).

Auch schon vorhandene Ausdrücke sind durch die Pandemie erneut aufgetaucht und in andere Bereiche vorgedrungen, wie „social distancing“, was den sowohl räumlichen als auch sozialen Abstand zur Unterbrechung der Infektionskette umfasst.

Entsprechend der typischen Muster der englischen Sprache beobachtet man auch Unterschiede zwischen den Sprachvarianten. Zum Beispiel redet man in den USA oft von „self-quarantining“, in Großbritannien dagegen von „self-isolating“. Ebenso tendiert man in den USA, Kanada und Australien dazu, COVID-19 zu schreiben, während man in Großbritannien, Irland und Neuseeland eher Covid-19 schreibt.

Parlez-vous pandémie?

Selbst die französische Sprache – bekannt für ihre Meidung von Anglizismen – ist bereits von der Pandemie gezeichnet. Die Ausgangssperren, oder confinements, waren in Frankreich viel strenger als in Deutschland. Vielleicht deswegen redet man nun frankreichweit entweder von einem möglichen déconfinement oder reconfinement. Umstritten bleiben jedoch einige Begriffe wie distanciation sociale (sozialer Abstand) versus distanciation physique bzw. spaciale (physischer bzw. räumlicher Abstand) oder das grammatikalische Geschlecht der Krankheit. Die Académie française und die Kanadier*innen empfehlen la covid, denn Krankheit (la maladie) ist ein weibliches Wort. Im alltäglichen Sprachgebrauch (außerhalb von Kanada) neigt man allerdings zu le covid in Bezug auf le coronavirus (männlich).[1]

Die Veränderung der Sprache und die Sprache der Veränderung

Traditionell dauert es etwas länger, bis man einen festen Sprachwandel in solchem Ausmaß beobachten kann. 2020 wurde aber die ganze Welt einer raschen Veränderung unterworfen. Menschen mussten Strategien entwickeln, um damit zurechtzukommen. Die Kommunikation spielt dabei eine große Rolle. Was geschieht in der Welt und was macht das mit einem selbst? Wie kann das Leben weitergehen? Welchen Humor kann man in der Situation verbreiten? In dieser digitalen Welt sind wir vernetzter denn je, und all diese Fragen lassen sich zum Teil durch ständige Kommunikation, Spracherfindungen und -innovationen beantworten. Wie die Entwicklungen der Pandemie selbst, dauert der Prozess des Sprachwandels noch an und viele Menschen und Kulturen haben begründet sowie unbegründet ihre Präferenzen. Wer weiß, was wir in einem Jahr darüber erzählen können?

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Quellen

[1] „Les mots de la pandémie entrent dans le dictionnaire“. Revue de la Presse, August 2020, S. 14.